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Was ist bei den Piraten eigentlich anders? Presse vor Bürger?

by Christian Scholz on August 8, 2012

Ich habe letzte Woche mal begonnen, ein Video zu machen. Jetzt ist es auch endlich mal fertig. Hier also topftäglich 61. Und meine Videos abonnieren kann man hier :-)

Und hier noch das grobe Script:

Das ist eine Pressemitteilung. Pressemitteilungen wurden früher oft benutzt, in der grauen Internetvorzeit, als es nur eine Möglichkeit, möglichst viele Leute zu erreichen gab – die Massenmedien. Also Fernsehen, Radio, Zeitung.

In dieser Zeit hat man solche Verlautbarungen geschrieben, die dann durch die Presse verteilt wurden. Der Nachteil ist dabei, dass man keinen Rückkanal hat und somit keine Konversation entstehen kann. Man weiss dadurch auch nicht, wie die Inhalte ankamen, ob man die Leute es verstanden haben oder einfach nur ignoriert.

Heute ist das anderes. Heute gibt es das Internet und damit auch die Möglichkeit der direkten Kommunikation miteinander, also der Konversation. Dies ist ein grosser Vorteil gegenüber der Vor-Internet-Ära.

Was ist anders bei den Piraten?

Die Piraten sind nun angetreten, einen anderen Politikstil zu pflegen. Was aber genau jetzt anders sein soll, das wissen leider nichtmal die Piraten – denn sie haben das bislang noch nie ausführlich diskutiert. Es geht entweder um Inhalte oder um interne Parteistrukturen.

Wenn man sich aber nun die Homepage der Piratenfraktion NRW anschaut, dann sieht man wenig, was anders ist, denn hauptsächlich sind es Pressemitteilungen.

Pressemitteilungen aber haben diverse Probleme und sind der Bürgernähe nicht gerade förderlich. Im Gegenteil, die Art und Weise, wie man per Pressemitteilung kommuniziert, ist Teil des Problems Politikverdrossenheit.

1. Pressemitteilungen gehen meist mit Bashing des politischen Gegners einher.

Politiker scheinen wenig von konstruktivem Dialog zu halten. In den meisten Pressemitteilungen geht es darum, dass der politische Gegner doof ist. Man selbst ist natürlich über alle Zweifel erhaben. Das sagt man auch in Reden.

Es scheint sich immer noch nicht rumgesprochen zu haben, dass wir Bürger inzwischen verstanden haben, dass die jeweils anderen doof und man selbst ganz toll ist.

2. Pressemitteilungen sind wenig konstruktiv

In den meisten Pressemitteilungen wird kritisiert und das war es dann. Alternativvorschläge werden nicht unterbreitet, ausser dass die Gegenseite das Problem mal irgendwie lösen solle. Ob diese allerdings in der Lage ist, eine Lösung zu finden, die die Opposition tatsächlich befriedigt, steht zu bezweifeln.

3. Pressemitteilungen sind wenig informativ

In den meisten Pressemitteilungen wird nur kurz das angebliche Problem skizziert, ohne aber ins Detail zu gehen oder zumindest Hinweise darauf zu geben, wo man diese findet. Selbst Quellenangaben zu Aussagen des politischen Gegners werden in den allermeisten Fällen nicht getätigt.

Der Bürger wird also nicht informiert und kann daher schlecht einschätzen, was von den Aussagen beider Seiten zu halten ist. Auch kann der Bürger dadurch schlecht einschätzen, wie informiert denn der Politiker überhaupt ist.

4. Pressemitteilungen schaffen Abstand

Pressemitteilungen sind in der dritten Person geschrieben. Daniel Schwerd, Abgeordneter der Piratenpartei sagte mir dazu:

Ich würde sagen: Umso schlimmer, dass sie nicht von ihm selbst kommen. Bei der dritten Person hat er aber meines Erachtens unrecht, denn diese werden in der dritten Person geschrieben, um es der Presse mundgerecht zu servieren. Undenkbar, dass sie das von der ersten Person in die dritte umschreiben müssen.

Und sowohl das mit der dritten Person als auch das Nicht-Selbstschreiben schafft Abstand. Es ist unpersönlich. Es schafft keinen Dialog, keine Konversation.

Und es verstärkt den Eindruck zwischen innen und aussen, in der Fraktion und ausserhalb der Fraktion, denn zwischen den beiden Sphären steht der Pressereferent und leitet Informationen rein und raus.

Statt Bürgernähe schaffen Pressemitteilungen also mehr Abstand.

Warum nicht persönlich?

Warum man die Pressemitteilung nicht als Blogpost und persönlicher schreibt, fragte ich. Die Antwort:

Aber ist dem so? Da steht doch, “MdL Schwerd erklärt”. Also ist es doch persönlich. Und steht nicht jeder Abgeordnete für sich? Gerade bei den Piraten? Und selbst eine Fraktionsmeinung kann man in persönlichem Ton schreiben.

Daniel weiter:

Aber warum? Ist das nicht “professionell”, wenn man etwas persönlich schreibt? Gerade das ist heute gefragt. Ich will doch keine Politiker-Maschinen, sondern ich will Menschen, mit denen ich reden kann, die vor allem menschlich rüberkommen.

All das ist ja auch nicht neu, schon Ende der 90er haben schlaue Leute das Buch “Cluetrain Manifesto” geschrieben, wo die Hauptthese lautet:

“Markets are Conversations”

Dort wird all das behandelt. Zwar geht es dort um Firmen, aber all das gilt ja für Politik umso mehr, denn Politik ist doch, wenn man miteinander redet.

Und genau das sollten die Piraten tun: Mal mit uns reden und nicht nur Material für die Presse erzeugen.

7 comments

Ein paar Kommentare dazu – ich war ja irgendwie Teil der Diskussion:
1) Absolut richtig.
2) Ebenfalls.
3) Das würde die PM selbst überlasten. Was aber fehlt sind Quellen – grade auch Quellen von ausserhalb der Partei. Und das ist doch auch der große Vorteil von heutigen PMs – man kann beide Nutzergruppen gleichzeitig glücklich machen, indem man einfach Links setzt. Der klassische Redakteur wird den Link erst einmal nicht anklicken, der macht seine Zeitung aus der PM. Innovativere Redakteure klicken dann vielleicht doch mal und sehen die Gründe dahinter, den demokratischen Prozess innerhalb und ausserhalb der Partei. Und thematisch interessierte Bürger haben endlich einmal die Chance, das alles auch nachzuvollziehen und dann thematisch auf dem Fraktions-Informationslevel aufbauend zu kommentieren.
4) Texte zu schreiben macht viel viel Arbeit und liegt nicht jeder oder jedem. Ich kann also sehr gut nachvollziehen warum man das nicht immer selbst macht als MdL – eine gute PM mitsamt aller Abstimmungen und Informationsverifikationen dauert einen Vormittag oder mehr. Ich hoffe allerdings, dass die MdLs wenigstens die Stichworte dazu reingeben – und die Pressestelle nur noch die Sätze daraus macht.
Bei der Unpersönlichkeit … da habe ich auch gestutzt. Das klingt wie Buch “PMs für Anfänger” was da geschrieben wird. Grade den Piraten würde es da gut tun, einen neuen Stil zu entwickeln. Wobei ich die Ich-Perspektive dort komisch fänd, zumeist kommt so etwas ja durch mehrere MdLs zusammen. Aber was spricht gegen eine Wir-Perspektive? Diese würde dann sogar auch kontroverse Beiträge ermöglichen, also Texte, bei denen wir keine klare Position haben, weil MdL1 Position 1 und MdL2 Position 2 hat. Und dass man doch Meinungen aus der Bevölkerung dazu einholen möchte. Zudem würde es einfach authentischer sein, man spricht auf dem Fraktionsblog dann in erster Person Plural macht nur Zitate in der dritten Person, damit der Urheber dazu klar ist.
Ausserdem wäre eine Integration von persönlichen Blogs natürlich sehr, sehr hilfreich. Im Moment ist alles zentralisiert auf einem Fraktionsblog. Stattdessen könnte man dort auch – gut markiert – die Beiträge der einzelnen MdLs auf deren eigenen Blogs einspielen. Die dann natürlich aus Ich-Perspektive geschrieben sind. Das würde den Alltagsbetrieb viel besser wiederspiegeln. Technisch möglich ist das ohne weiteres, man muss es nur machen. Und man muss vor allem jeden Piraten-MdL dazu kriegen ab und an mal einen Blogpost zu schreiben …

5) Deine Abschlussthese, dass PMs unnötig seien – nein. Aber einen neuen Stil zu entwickeln würde gut tun, wenn man etwas ändern möchte. Einfach von heute auf morgen eine völlig neue Sprache zu sprechen wäre falsch. Aber genauso falsch ist es, 1:1 das Handbüchlein für klassische PMs zu befolgen – genau so klingen die Blogbeiträge heute. Man muss sich entwickeln, mehr informieren, mehr persönlichen Stil pflegen, … etc – das geht auch alles ohne radikale Schnitte. Man muss sich aber trauen, eben neue Wege zu beschreiten und Rückmeldungen von Journalisten UND Bürgern einzuholen.

by Ernesto Ruge / @the_infinity on 8.8.2012 at 12:13. #

Danke für den Kommentar, hier noch meine Antwort:

zu 3. Ich bin ja eh gegen PMs ;-) Man kann auch nen Blogpost schreiben, der ein Thema mal erklärt oder sich ein System ausdenken, was all das sammelt und auf das man verweisen kann. Redakteure sind aber im übrigen auch informiert, die brauchen die Hintergründe nicht. Beim Bürger sieht es anders aus.

zu 4. Naja, wenn man als Partei näher am Bürger sein will, kann es doch keine Ausrede sein, dass einem das nicht liegt? Das muss persönlich geschrieben werden, dann nur so baut man eine Verbindung aus. Das kann auch emotional geschrieben sein, denn das ist authentisch. Aber von irgendwem berichten lassen, was der, den ich gewählt habe, denkt, das ist alles andere als persönlich. Ansonsten gibt’s bestimmt auch Kurse, wo man sowohl tippen als auch schreiben lernen kann.

5. Doch! :-) Es ist der Job der Journalisten, Informationen zu suchen und aufzubereiten, nicht der der Fraktion. Das wird von meinem Steuergeld bezahlt und von dem soll keiner da sitzen und Texte so schreiben, damit ein Journalist sie nur noch kopieren muss. Da steckt mehr die Angst dahinter, dass man nicht mehr in der Zeitung steht, wenn man das nicht macht. Wer aber Angst hat verändert auch nichts.

by Christian Scholz on 8.8.2012 at 12:20. #

D’accord.
Dass oft “Journalisten” nur noch copy&paste fabrizieren, gerne auch ohne die PM, sondern bei anderen toter-Baum-pdfs – das ist ein Problem. Das sollte man nicht noch fördern.
Allerdings sollten gerade Piraten das auf eine Weise handhaben, die nicht dazu führt, dass jeder, der nicht in der Lage oder nicht Willens ist seine Informationen im Netz zu suchen bzw. auf Links im Netz zu klicken, keine Infos mehr bekommen. Ich wüsste jetzt leider nur nicht, wie. Denn PMs (so unpersönlich und wenig kommunikativ sie auch sein mögen), die dem jeweiligen Blatt nicht passen, werden nicht gedruckt. Und besonders die Bevölkerung, die weniger Informationen hat, zieht sie meist aus den am meisten etablierten Medien (TV, Zeitung, Radio).
Stellt sich außerdem die Frage, ob stur in der ersten Person schreiben, weiterhilft. Wie gesagt, was nicht ins Format passt, wird nicht gedruckt.
Das resigniert hinzunehmen ist aber ein langweiliger Weg, da stimme ich dir wirklich zu.

by Kiane l'Azin on 9.8.2012 at 11:31. #

Wenn ich es persönlicher schreibe, bekomme ich aber zumindest einen direkteren Draht zu den Bürgern. Zumindest, denen, die sich auf die Seite verirren. Aber wenn ich ein gutes Angebot mache, dann kommen ja auch mehr Leute vorbei (z.B. wenn man besser informiert als der Rest).

by Christian Scholz on 9.8.2012 at 11:42. #

Hallo Christian,

wir haben ja bereits gestern ausführlich im Krähennest (Podcast) darüber gesprochen, aber ich will das von Dir offensichtlich heißgeliebte Blog ebenfalls für eine Antwort nutzen.

Zu den Punkten 1-3 (Bashing, wenig konstruktiv und informativ): Ich habe mir mal die Mühe gemacht, alle Pressemitteilungen des Landesverbands bis zur Landtagswahl am 13. Mai diesen Jahres zurückzuverfolgen. Ergebnis aus insgesamt 17 PMs:

* 2x Terminankündigungen
* 8x Weitergabe von Wahl- und/oder Arbeitsergebnissen (AKs/AGs, TdpA, LPT),
* 7x reaktiv zu externen Ereignissen.

Von diesen sieben fallen vielleicht zwei in das von Dir kritisierte Schema, in den anderen werden konstruktive Alternativvorschläge gemacht. Zwei von 17, damit kann ich als Pressesprecher leben.

Dazu kommt, dass wir auch während des vergangenen Wahlkampfs mit einer einzigen Ausnahme – das war einen Antwort auf Röslers Piratenvergleich – nie(sic!) ein klassisches Bashing vorgenommen haben. Darauf hatten wir uns in der AG Öffentlichkeitsarbeit in Absprache mit dem damaligen LaVo und den Listenkandidaten geeinigt. Unsere Maxime: kein Wahlkampf 0.1.

Quellen und weiterführende Links geben wir im LV übrigens immer an, wenn es sinnvoll erscheint. Das häufige Formulieren in der dritten Person ist dagegen ein Punkt, über den ich auch schon einmal nachgedacht habe. In den meisten Fällen hat eine PM jedoch Nachrichtencharakter, und da ist es einfach Tradition, dieses Stilmittel zu verwenden.

PMs sind meiner Ansicht nach ein notwendiges Instrument in der Kommunikation mit den Medien (als Multiplikator) und der Öffentlichkeit. Allein schon zwecks Weitergabe von wichtigen Informationen. Allerdings hast Du Recht, sie sollten nicht das einzige Mittel sein.

Dies ist beim LV auch nicht der Fall. Wir nutzen Twitter, Facebook, Google+ und die Kommetarfunktionen im Portal für den Dialog. Oft entsteht durch die Verbreitung einer PM über die o.g. Medien eine Diskussion, nicht selten haben wir 30, 40 Beiträge unter einer Veröffentlichung im Portal.

Ein Blog als Ergänzung ist sicherlich eine gute Idee, die wir im LV auch in Erwägung ziehen werden. Aber ein Blog ist kein alleiniger Heilsbringer in der Kommunikation mit einem Nichtparteimitglied=Bürger/in.

Wir veröffentlichen übrigens auch persönliche Beiträge im Portal des LV. Nur müssen wir an dem ein oder anderen Punkt etwas vorsichtig sein, weil ein Artikel, der eine persönliche Meinung widerspiegelt, leicht als offizielle Parteimeinung missverstanden werden kann.

Ciao

Achim Müller
Pressesprecher Landesverband NRW
Piratenpartei Deutschland

by Achim on 9.8.2012 at 11:50. #

Wie schon im Podcast gesagt, habe ich mich bei der Kritik wohl mehr auf die Fraktion bezogen. Die PMs des LVs sind in der Tat besser.

Und das mit der Tradition, das ist so eine Sache. Blogs könnte man auch in der dritten Person schreiben, werden sie aber eher nicht. Selbst bei Techcrunch, was ja auch eher Nachrichtencharakter hat, wird durchaus in der ersten Person geschrieben. Zumindest steht immer ein Name der Autors dabei. Dann weiss ich auch, mit wem ich dann diskutiere, wenn ich einen Kommentar schreibe. Es macht es halt menschlicher. (mich würde auch interessieren, wie so eine PM eigentlich entsteht. Mit wem wird das abgestimmt? Kann man da noch Feedback zu geben? Wenn das eine offizielle Piratenmeinung sein soll, müsste da nicht immer die Basis befragt werden? ;-) ).

So eine PM ist ja auch immer ein Statement. Mich persönlich würde aber mehr die Diskussion interessieren. Man darf von mir aus auch ruhig mal Fragen stellen und Input einsammeln und nicht so tun, als wüsste man schon alles.

Und werden diese Meldungen wirklich nicht mehr via Zeitung kommuniziert, wenn man sie persönlicher schreibt? Ansonsten gibt es ja auch noch den Mittelweg, dass man nicht darauf verzichtet, aber es nicht ausschliesslich macht (schreibst Du ja).

Ich will halt erstmal wissen, wer denn diese Piratenpartei überhaupt ist. Wenn ich Gesichter und Namen habe, dann habe ich einen direkteren Bezug als wenn ich eine anscheinend aus dem Nichts gekommene PM vor mir habe. Und da ist ein Blog halt besser. Es geht ja auch um Community-Building (sollte es meiner Meinung nach zumindest tun). Und wenn es wirklich mal 500 Blogger werden sollten, dann kann man immer noch überlegen, wie man das verwaltet. Aber das wäre ja ein Luxusproblem. Generell ist eine Seite ja auch umso interessanter, je öfter ich dort was neues finde. Umso öfter komme ich auch vorbei. Und ich denke, man kann auch bei Blogartikeln deutlich drüberschreiben, dass dies die Meinung des Autors und nicht die des LV ist. Und andersrum bei offiziellen Meinungen (wie immer die entstehen) kann man das auch fett kennzeichnen. Mag auch für den ein oder anderen Journalisten hilfreich sein ;-)

by Christian Scholz on 9.8.2012 at 12:11. #

»mich würde auch interessieren, wie so eine PM eigentlich entsteht. Mit wem wird das abgestimmt? Kann man da noch Feedback zu geben? Wenn das eine offizielle Piratenmeinung sein soll, müsste da nicht immer die Basis befragt werden?«

Jemand (AK, AG, LaVo, Basis) hat eine Idee, fragt auf der ML der AG ÖA an, ruft an … Formuliert wird sie meist von zwei/drei Mitgliedern der AG ÖA, freigegeben wird sie von zwei Personen aus dem Presseteam.

Thematisch ist das manchmal recht einfach zu entscheiden, manchmal bei umstittenen Positionen eine Gratwanderung. Ich selbst achte eigentlich imme darauf, dass eine Position entweder durch das Programm, einen Parteitagsbeschluss, ein Positionspapier, LQFB-Initiative mit großer Mehrheit oder ähnliches abgedeckt oder ableitbar ist. Fachlich verlasse ich mich auf die AKs.

Ciao

Achim

by Achim on 9.8.2012 at 12:22. #