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DLF50: Colin Crouch über Postdemokratie

Heute bin ich mal zu Besuch beim Kongress des Deutschlandfunks anlässlich des 50sten Geburtstag mit dem Titel „Der Ort des Politischen in der digitalen Medienwelt“. Nach den obligatorischen Grußworten hat Prof. Dr. Colin Crouch einen Vortrag zum Thema Postdemokratie gehalten, den ich hier versuche wiederzugeben. Korrekturen und Anmerkungen gerne in den Kommentaren

Was ist Postdemokratie?

Postdemokratie ist nicht gleichbedeutend mit einer nicht demokratisierten Gesellschaft. Benutzt das Konzept eher wie die postindustrielle Gesellschaft. Industrie bleibt zunächst, man ist nicht entindustrialisiert, aber der Geist, die Initiativen der Wirtschaft ist anders.

Dies ist für ihn ähnlich in der Politik.

Alle Veranstaltungsformen, Wahlen usw. bleibt. Nur die Energie ist nun anders. Sie ist in kleinen Gruppen/Eliten verschwunden. Er sagt nicht, dass wir schon in einer postdemokratischen Gesellschaft leben, sondern wir sind auf dem Weg dorthin.

Wenn wir schon in einer postdem. Gesellschaft leben würden, dann würde es keine Frauenbewegung, keine Umweltbewegung usw. geben. Noch gibt es viel Kraft und viel Geist in unserer Politik. Das dürfen wir nicht vergessen. In anderen Ländern sterben Leute dafür, um solche Systeme wie bei uns zu bekommen.

Was sind die Ursachen einer Postdemokratisierung?

Wir kennen keine funktionierende Demokratie ausserhalb der Parteiendemokratie (ein bisschen Ausnahme Schweiz). Die Hauptparteien (Ausnahme Grüne und andere kleinere Parteien) sind begründet auf Religion oder Klassenkonflikten. Diese Themen sind inzwischen nicht mehr aktuell, aber diese Parteien bestimmen ganz extrem die Landschaft. Das Problem ist dabei, dass die niederen und mittleren Schichten (=Mehrheit der Bevölkerung) der postindustriellen Gesellschaft keine Möglichkeit haben, ihren Interessen in politische Aktionen zu überführen.

Daran ist niemand schuld, es ist nur ein Aspekt der wirtschaftlichen Veränderung, bleibt aber ein Problem der Demokratie.

Zweitens ist die Globalisierung ein Problem. Bestimmte Ebenen kann die staatliche Demokratie dann nicht mehr erreichen. Die grossen Konzerne, die die globale Wirtschaft dominieren, sind wie Flüssigkeiten. Sie können ihre Gestalt verändern, um mit der größten Effizienz ihre Märkte zu treffen. Die Demokratie aber bleibt im starren nationalen Körper. Sie hat sehr wenig geographische Beweglichkeit.

Drittens: Erhöhung der politischen Macht der Großkonzerne, vor allem im Finanzsektor. Er ist ein Grundsektor für alles. Aber auch Pharmazie, Energie und natürlich auch Massenmedien. Das ist nicht nur ein Problem in Bezug auf den freien Markt, sondern auch auf die Politik. Wenn man gross ist, ist man nicht mehr klein und anonym und hat dadurch grosse politische Macht durch die blosse Präsenz. Dadurch kommt es zu Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik.

Aber es gibt immer Reaktionen. Es gibt eine grosse Welle von Protestbewegungen, Jugendbewegungen usw. gegen eine solche Konzentration der Macht und dem Gefühl der Machtlosigkeit. Es gibt eine grosse Unzufriedenheit mit dem Verhalten am wenigsten der finanziellen Eliten, aber anderen Eliten. Diese globale Elite ist von der Rest der Gesellschaft abgekoppelt worden. Das gibt ihr ihre Arroganz, aber ist auch ihr wunder Punkt. Z.B das Verhalten der Banken schafft eine neue Politik.

Die Macht der grossen Medienkonzerne in der Politik

Italien ist ein Sonderfall, wo wir eine totale Verflechtung von Medien und Politik gesehen haben. Dies hat die italienische Demokratie fast ruiniert.

Es ist aber auch nur ein Extremfall. Der Fall der News International ist anders, denn Rupert Murdoch ist kein britischer Bürger und kann daher nicht Premierminister werden.

Was aber gewährleistet eine freie Debatte? Ist es der freie Markt oder der staatlich kontrollierte Sender? Man sollte zunächst denken, dass der freie Markt dies gewährleisten kann. Aber empirisch ist dies nicht der Fall. Die grossen Verlage und deren Sendungen folgen normalerweise den Vorurteilen ihrer Besitzer und das sind normalerweise sehr sehr reiche Männer.

Öffentliche Sender sind vom politischen Einfluss geschützt und die haben viel mehr getan für eine ausgewogene Debatte. Der freie Markt hat dies nicht geschafft, da eben der Markt nicht wirklich frei ist. Es sind politisch verflochtene Großunternehmen.

Neue Medien

Hier wurden neue Räume geschaffen. Vor 10-15 Jahren hatten verschiedene kluge Menschen gesagt, dass das Internet neue politische Energie schaffen wird. Und sie hatten Recht. Wir sehen es heute jeden Tag. Ein echter Markt von freien Debatten ist entstanden. Eine Massenkommunikation von unten organisiert. Dies war früher fast unmöglich.

Das geht zusammen mit dem Phänomen der neuen Reaktionen und der Unzufriedenheit des Bürgertums mit der wirtschaftlichen Macht.

1 Frage mit 2 Aspekten: Wie lange kann diese neue Freiheit dauern? (5, 10, 20 Jahre?)

Denn es gibt 2 Probleme: Die grossen Medienkonzerne sind auch hier tätig und sie sehen Möglichkeiten. Können grosse Unternehmen das alles vereinnahmen? Oder ist die Technologie so, dass es unmöglich ist und bleibt?

Zweites Problem: Unter den Gruppen, die im Internet tätig sind, sind auch die grossen Konzerne, die ihre Internetpräsenzen verbessern oder ihre Wikipedia-Artikel bearbeiten. Wie lange bleibt das Internet der Spielraum für alle?

Das müssen Sie diskutieren.

Sind die neuen Medien vielleicht auch neue Möglichkeiten für Kontrolle? Beispiel Locationdaten und VDS.