Google+: Kreise über Kreise, aber machen sie auch Sinn? - mrtopf.demrtopf.de

Google+: Kreise über Kreise, aber machen sie auch Sinn?

Schaut man sich die Real World an, scheint es auf den ersten Blick plausibel: Bestimmte Dinge teilt man nur bestimmten Zirkeln von Leuten mit, der Familie andere Dinge, als guten Freunden, als Unbekannten auf der Strasse. Demnach erscheint der Ansatz von Google+ logisch, indem man dieses Prinzip auch auf die Online-Welt anwendet. An sich ist eine Einteilung von Kontakten in Gruppen ja auch nichts neues, aber im Gegensatz zu Facebook, wo Freundeslisten irgendwann aufgepfropft wurden, ist es bei Google+ ein grundlegender Baustein von Beginn an.

Doch nach ein paar Tagen Nutzung von Google+ bin ich doch nicht so ganz der Meinung, dass dieser Ansatz der vielversprechendste ist. Bevor ich erkläre, warum ich dies denke, schauen wir uns zunächst an, wie das mit den Circles/Kreisen in Google+ eigentlich funktioniert.

Kreisverwaltung

Um in Google+ einen neuen Kontakt hinzuzufügen, so dass er mehr als nur meine öffentlichen Posts sehen kann, muss ich ihn einem oder mehreren Kreisen (sprich Gruppen) zuordnen.

Habe ich dies getan, kann ich beim Posten eines neuen Beitrags angeben, wer diesen zu sehen bekommt. So habe ich die folgenden Möglichkeiten:

  • Ich poste es „öffentlich“, dann sieht es jeder, der mich irgendwo in einen seiner Kreise aufgenommen hat (oder mein Profil betrachtet)
  • Ich wähle einen oder mehrere meiner Kreise aus. Dann sehen es die Leute, die ich in diese Kreise geschoben habe
  • Ich wähle „Meine Kreise“ aus, d.h. alle Kreise und demnach alle Leute, die ich in irgendeinen meiner Kreise geschoben habe.
  • Ich wähle „Erweiterte Kreise“, d.h. alle Leute, die ich in Kreisen organisiert habe und deren Kontakte in Kreisen (Freunde von Freunden)

So weit so gut, man kann also entscheiden, wer etwas zu sehen bekommt. Wichtig ist dann noch die „Teilen“-Funktion, also ein Repost/Retweet eines Eintrags einer anderen Person. Sobald ich den Post nicht als „öffentlich“ markiert habe, kann man ihn auch nicht mehr öffentlich reposten, sondern maximal an seine „Erweiterten Kreise“. Dies bedeutet natürlich dann auch, dass der Post nicht auf dem eigenen Profil auftaucht und damit auch nicht öffentlich (=außerhalb von Google+) eingesehen werden kann.

Ein anderer Aspekt bei Kreisen ist der des Lesens, denn ich kann einen Kreis selektieren und dann bekomme ich nur die Posts derjenigen Personen angezeigt, die ich diesem Kreise zugeordnet habe. Im Prinzip also dieselbe Funktion wie Listen auf Twitter (wobei ich aber keine Kreise von anderen Personen abonnieren kann, ja nichtmal angezeigt bekomme).

Privatsphäre gerettet?

Nun geht es bei den Kreisen ja augenscheinlich um Privatsphäre. In Wirklichkeit aber glaube ich kaum, dass man wirklich mehr Kontrolle hat, denn im Endeffekt ist es doch sehr verwirrend, wer nun worauf Zugriff hat. Teilt man nämlich etwas nur einem Kreis mit, so ist der Default, dass Personen innerhalb dieses Kreises diesen Post in ihren eigenen Kreisen weiter verteilen können, nur öffentliches Posten ist ausgeschlossen. Dies kann man zwar verhindern, indem man die Option zum Reshare abschaltet, ist aber eher umständlich.

Hinzu kommt, dass ich bei einem Post, den ein andere User in einen Kreis gepostet hat, in dem ich Mitglied bin, nicht dessen Kontext kenne. War das an „engste Freunde“ addressiert, was ich also besser nicht weiterverteile? Oder an „Hinz und Kunz“, wo es vielleicht eh öffentlicher gedacht war? Hier mögen normale Gruppen, wo jeder den Namen und die Mitglieder sieht, sinnvoller sein. Auch müsste man in diese Gruppen aktiv reingehen, hat also aktiv den Kontext gewechselt, womit er klarer sein sollte.

Kreise als Sprachselektor?

Nun haben ich (und sicher auch andere Leute) das Probem, dass sie gerne mehrsprachig posten würden, aber natürlich nicht alle mit deutschen Posts belästigen wollen, die sie gar nicht verstehen. Eine Lösung wäre, einen Kreis „deutsch“ einzurichten und alle Personen, die deutsch verstehen, dort einzuordnen und deutsche Posts auch nur dort zu posten.

Das sollte soweit funktionieren, hat aber das Problem, dass ich entscheiden muss, wer wohl deutsch versteht und nicht etwa der Empfänger. Hier wäre es schöner, wenn Google automatisch erkennen würde, welche Sprache der Post hat und dass jeder Nutzer dann einstellen kann, welche Sprachen er versteht.

Kreise als Themenfilter?

Ähnlich ist der Anwendungsfall, wo ich nicht alle meine Kontakte mit einem speziellen Thema (z.B. was sehr technisches) belästigen will. Hier könnte man meinen, dass z.B. ein Kreis namens „Second Life“ Sinn macht, wo ich nur Dinge zu Second Life reinposte, damit ich die anderen nicht nerve. Das wäre ähnlich den Freundeslisten auf Facebook, wo ich z.B. Einladung zu politischen Veranstaltungen nur an die Liste „Politik“ schicke. Der Unterschied aber ist, dass bei Facebook der Event dennoch öffentlich ist, während der Post bei Google+ wirklich nur dem Kreis zugänglich ist, an den ich es schickte. Auch ist hier wieder das Problem vorhanden, dass ich aussuchen muss, wer evtl. Interesse daran hat und nicht etwa der Empfänger. Andersrum wäre es besser.

Auch wenn ich Kreise zum Lesen von bestimmten Themen nutzen will, ist es schwierig. Wenn ich z.B. alle Personen, die über Politik posten könnten, in einen Kreis packe, heisst dies nicht, dass ich in dem Kreis nur Posts zu Politik finde. Denn Kreise drehen sich eben nicht um Themen, sondern um Menschen und deren Kontext zu mir (der sich aber je nach Post auch ändern kann).

Fazit

So ganz überzeugt von Kreisen bin ich noch nicht. Als Privatphäre-Tool brauch ich sie eh nicht so dringend (und würde auch eher ne Mail schreiben, wenn es privat sein soll) und da sind sie auch eher unübersichtlich. Als Themen- oder Sprackselektor funktionieren sie auch nur bedingt und dass Posts in einem Kreis automatisch dann nicht mehr öffentlich sind, ist auch ein Problem (denn sie tauchen dann nicht auf meinem öffentlichen Profil auf).

Ein paar Vorschläge wären deshalb:

  • Ein (Hash)tag-Mechanismus zur Klassifizierung
  • Einen Abo-Mechanismus für diese Tags (bzw. eine abonnierbare Suche)
  • Automatische Erkennung von Sprache und anderen Metadaten und Selektionsmöglichkeiten dafür
  • Vielleicht eher separate Gruppen statt Kreise für Privatsphäre-relevante Dinge
  • Mehr Möglichkeiten, etwas an eine Gruppe/Kreis, aber trotzdem auch öffentlich zu posten
  • Eine bessere Kreisverwaltung, wo ich Personen auch automatisch nach bestimmten Kriterien selektieren kann (z.B. Sprachen der Posts, Geo-Location)

Wir werden sehen, in welche Richtung sich dies entwickelt. Klar ist für mich im Moment nur, dass ich fröhlich alle Leute in irgendwelche Kreise sortiere, diese aber ansonsten eher nie nutze. Aber wer weiss, vielleicht bin ich auch der einzige, der dieses Problem hat und ihr nutzt Kreise sehr intensiv.

5 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

    • Also mich persönlich interessiert nur der öffentliche Kreis. Wieso soll ich denn entscheiden, wen was zu interessieren hat? Wenn es persönlich ist, schick ich ne Mail, beim Rest sollte eher auf Empfängerseite gefiltert werden (z.B. via Hashtags usw.). Auf Twitter funktioniert das ja im Groben auch ganz gut.

  1. Was soll denn das für eine Kritik sein, dass jemand den Post weiter verteilen kann? Dieses Risiko hat man immer und überall, wo man etwas weiter gibt. Das ist beim E-Mail so und war beim herkömmlichen Brief schon so…

    Ebenfalls zur Kritik, dass man nicht sieht, an welchen Kreis gepostet wurde. Dies finde ich äußerst sinnvoll, da dies dann wirklich die Privatsphäre schützt. Es wäre nicht sehr dienlich, wenn meine Freunde sehen wer in „Best Friends“ und wer in „Nicht so gute Freunde“ steht. Die User sehen aber sehr wohl, welchen Usern außer ihnen der Post freigegeben ist und können so meiner Meinung nach recht gut einschätzen, wem sie es weiter leiten. Prinizipiell sagt „Eingeschränkt“ ja wohl schon, dass der Poster nicht vor hatte, den Post in der Welt zu verteilen.

    Das Hirn kann Google nicht ersetzen.

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