Es braucht mehr Mut! - Eindrücke vom netzpolitischen Kongress der Grünen - mrtopf.demrtopf.de

Es braucht mehr Mut! – Eindrücke vom netzpolitischen Kongress der Grünen

„Ja, wir brauchen Mut, aber mit Augenmaß“ (mit Betonung auf Augenmaß), so lautete einer der letzten Statements beim netzpolitischen Kongress der Grünen im Paul-Löbe-Haus im Bundestag. Und mit dieser sich selbst konterkarierenden Aussage lässt sich vielleicht auch der ganze Kongress beschreiben. Denn Mut, der war nicht wirklich zu finden. Ein Feuerwerk an Ideen, was man mit dem tollen Tool Internet alles so machen könnte, suchte man also eher vergebens und dies war wohl eher beim zeitgleich stattfindenden Barcamp Hamburg oder Barcamp London zu finden.

Stattdessen ging es, wie zu erwarten, um die Risiken. Und da gibt’s ja viele, denn die Fantasie der Deutschen ist bei diesem Thema gross. So sei Open Data ja eine tolle Idee, aber man müsse doch erstmal sicherstellen, dass auch alle Breitband-Internet haben, so Jürgen Trittin. Und was antwortet man auf die Frage, ob es nicht ein Problem sei, wenn Terroristen diese Daten missbrauchen? Partizipation ist auch eigentlich super, aber was ist mit denen, die offline sind? Kann man Online-Partizipation machen, Und überhaupt, war Habermas in Bezug auf die neue Öffentlichkeit im Internet nicht kritisch? Kann denn auch jeder die vielen Informationen einordnen? Und überhaupt bekommt ja aufgrund des Internets und der Datenfreigabe keiner mehr nen Job.

Dabei müsste es doch andersrum sein: Wenn man etwas wirklich will, beginnt man es mal und löst die Probleme unterwegs. Viele angenommen Probleme sind nämlich nachher keine, dafür tauchen unvorhergesehene Probleme auf.

Gesellschaft (digital) gestalten?

Der Untertitel des Kongress lautete „Gesellschaft digital gestalten“. Was das „digital“ dort genau heissen soll, verstehe ich leider nicht, aber um die Gestaltung der Gesellschaft ging es nicht wirklich. Stattdessen wurde eher so etwas wie ein Vollkaskoschutz diskutiert. All die Risiken, und seien sie noch so konstruiert, wie im Falle des S21-Beispiels von Peter Schaar, müssen natürlich bedacht werden.

Was eigentlich diskutiert hätte werden müssen, ist die Frage, wie wir unsere Gesellschaft in die Lage versetzen, mit Risiken umzugehen, anstatt sie überall vermeiden zu wollen. Keine Chance ohne Risiken. Versucht man alle Gefahren im Vorfeld zu verhindern, verhindert man dadurch eher die Chance.

Wollen wir das globale Dorf und die weltweite Kommunikation oder wollen wir sie nicht? Ich denke schon! Das heisst aber auch, mehr Daten über sich preiszugeben. Und wie man Arbeitgeber dazu bringt Jugendsünden verzeihen (wobei denen das wahrscheinlich eh egal ist, meist findet man über Facebook und Co ja eher Jobs), ob man toleranter wird, ob man mehr Zivilcourage online zeigt, all das sind gesellschaftliche Themen, die man hätte behandeln können.

Die Gesellschaft verändert sich ja auch nur, wenn man sie herausfordert. Warum sollte sich etwas ändern, wenn kein Druck da ist? Der Mensch braucht die Herausforderung, um zu wachsen, aber um dies anzuschieben, braucht es Mut. Mut, neue Dinge auszuprobieren und die Fähigkeit, mit Risiken umzugehen und nicht versuchen, alle Probleme vorher zu erkennen und lösen zu wollen, sondern erst dann, wenn sie auftreten.

Barcamp

Es war allerdings auch nicht so, dass dies überhaupt nicht passierte. In der Tat gab es gute Diskussionen, Erfahrungsaustausch und ähnliches, nämlich beim Barcamp. So war für mich das Highlight der Veranstaltung die Session direkt am morgen, wo Erwachsene auf Jugendliche trafen, um zu erfahren, wie die Jugend das Internet überhaupt wahrnimmt. Das Ergebnis: Unaufgeregt, man weiss um die Gefahren und wie man ihnen begegnet, man weiss aber auch, wie man um Sperren herumkommt. Insgesamt ein sehr positives Bild, warum sich all die Jugendschützer solche Sorgen machen, ist mir unbegreiflich, zumal auch hier gilt, dass man nur an Herausforderungen wächst.

Eine weitere recht konstruktive Session war die zu Liquid Democracy. Es gibt nämlich in der Tat Leute, die einfach mal Partizipationstools ausprobieren und nicht erst totdiskutieren. Diese trafen in dieser Session auf Interessierte und das Ergebnis war ein meist konstruktiver Erfahrungsaustausch. Probleme, die entstanden, wurden natürlich auch angesprochen, aber insgesamt schienen diese Projekte alle recht erfolgreich zu sein. Teilnehmer des Workshops „Internet und Demokratie“ hätten sich vielleicht mal diese Session anschauen sollen.

Und genau das war auch das Problem des Barcamps: Es gab zu wenig Leute, die auf dem Barcamp auftauchten, die Sessions waren meist um die 5-10 Leute oder auch mal keiner. Das ist aber kein Wunder, wenn gleichzeitig noch Workshops und Keynotes laufen und auch eher wenige wissen, dass es ein Barcamp gibt, was es überhaupt ist oder wo es stattfindet. So trafen sich die üblichen Verdächtigen. Hier würde ich für die Zukunft vorschlagen, Workshops, Keynotes und Barcamp nicht zu vermischen. Ein Barcamp separat oder als eigenständiger Teil (inmitten) einer Konferenz funktioniert meist viel besser.

Größere Pausen zwischen den Sessions würden zudem die Chance erhöhen, auch mal Leute kennenzulernen, denn ich hatte so das Gefühl, dass jeder ein bisschen so im eigenen Saft schmorte. Das gilt natürlich vor allem für die eher nicht anwesenden Bundestagspolitiker der Grünen.

Fazit

Für die Grünen war diese Veranstaltung sicher ein guter Auftakt. Es ist wichtig, dass sich so nach und nach alle Parteien mal intensiv mit diesen Themen beschäftigen. Schade ist natürlich mal wieder, dass alle Parteien dies separat machen.

Für mich persönlich bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht besser beim Barcamp Hamburg geblieben wäre, denn dort war die Stimmung doch um einiges positiver. Für die Session mit den Jugendlichen allerdings hat es sich wohl gelohnt, zeigt sie doch, dass unsere Jugend auf einem guten Weg ist. Es bleibt dann noch zu hoffen, dass sie dann später nicht genauso pessimistisch an die Dinge herangehen wie die Erwachsenen. Zumindest aber werden sie wissen, wovon sie reden.

Vielen Dank auf jeden Fall noch an die Organisatoren! Ein Kongress im Paul-Löbe-Haus ist sicherlich keine einfache Sache. Tipp noch für das nächste Mal: Ein reines Barcamp zu machen ist nicht nur kommunikativer, sondern auch viel weniger Arbeit!

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich dachte, das wolltest Du mir zuliebe Identity Camp nennen ;-)
    Mal schaun, wie es zeitlich bei mir da aussieht, hoffentlich kann ich kommen.

  2. Jetzt muss hier nur nochmal jemand erklären, wie wir das mit dem Mut hinbekommen ;-)